„Ich erkenne ihn oder sie nicht wieder.“ Diesen Satz hören Fachkräfte von Angehörigen öfter, wenn es um das Thema Delir geht. Vor allem Menschen ab 65 Jahren sind betroffen und damit sind geriatrische Patientinnen und Patienten eine der Risikogruppen, die ein Delir entwickeln können. Wie machen sich die akuten Verwirrtheitszustände bemerkbar? Welche Maßnahmen werden genutzt, damit ein Delir schnell wieder verschwindet? Luisa Keßler, Psychologin auf der geriatrischen Station A430, beantwortet fünf Fragen.
Was ist ein Delir?
Luisa Keßler: Stellen Sie sich vor, Sie würden sich plötzlich auf einem fremden Bahnhof wiederfinden. Es herrscht viel Trubel. Viele Menschen wollen etwas von Ihnen, reden mit Ihnen, alles verschwimmt und sie sind mit der ganzen Situation einfach absolut überfordert und dazu noch erkrankt. Wir sprechen bei einem Delir ganz allgemein von Bewusstseinsveränderungen oder Verwirrtheitszuständen, die sich laut und leise äußern können. Ein Delir kann zwar in jedem Lebensalter auftreten, aber natürlich ist unsere Patientengruppe aufgrund des hohen Alters besonders gefährdet. Wir unterscheiden zwei Formen. Hyperaktive Patientinnen und Patienten zeigen sich sehr unruhig, sehr mobil, haben einen gestörten Schlaf- Wach-Rhythmus und rufen viel. Diese erkennt man anhand der Symptomatik sehr gut. Hypoaktive Delir-Fälle sind in sich gekehrt und wirken kaum ansprechbar. Manche sind wie weggetreten, andere verhalten sich plötzlich aggressiv. Halluzinationen und Schlafstörungen können dazugehören. Ein Delir ist immer ernst zu nehmen und eine gemeinsame Herausforderung für das Stationsteam und die Angehörigen. Es gibt Risikofaktoren, bei denen wir besonders auf ein Delir achten.
Welche Risikofaktoren sind das?
Luisa Keßler: Wir wissen, dass unsere Patientinnen und Patienten nach Unfällen und Operationen anfälliger für ein Delir sind. Darüber hinaus kann ein akuter Infekt die Anfälligkeit erhöhen. Auch ältere Menschen mit Blasenkatheter sind Delir-anfälliger. Ein weiteres Warnzeichen ist, wenn sie nach Liegetrauma zu uns kommen, also gestürzt, bewegungsunfähig sind und starken Flüssigkeitsmangel haben.
Was wird bei Delir-Anzeichen getan?
Luisa Keßler: Unser Aufnahmeassessment zur kognitiven Leistung kann Hinweise geben und dann wird geschaut, handelt es sich um eine beginnende Demenz, fehlende Motivation oder könnte es doch ein Delir sein. Jeder im Team übernimmt eine andere Aufgabe. Wir Psychologinnen kontaktieren beispielsweise die Angehörigen, führen eine Fremdanamnese durch und stellen Fragen zur Person, um herauszufinden, ob sich der Patient oder die Patientin auch sonst so verhält oder bereits vor dem Klinikaufenthalt Gedächtnisstörungen aufgefallen sind. Häufig sind es die Kinder und Verwandten, die das Verhalten ihres Familienmitglieds nicht wiedererkennen.
Wie wird ein Delir behandelt?
Luisa Keßler: Grundsätzlich versuchen wir zuerst die Ursachen eines Delirs zu beheben, etwa einen Infekt zu therapieren, Schmerztherapie einzusetzen oder vielleicht auch einen Katheter zu entfernen. Dabei setzen wir begleitend nicht-medikamentöse Maßnahmen ein. Bei einem Delir ist häufig der Schlaf-Wach-Ryhthmus gestört und wir versuchen das wieder herzustellen und den Tagesablauf zu restrukturieren. Außerdem sollen Reize vermindert und beispielsweise Lärm vermieden werden. Das wird bereits in der Stationsgestaltung umgesetzt. So gibt es beispielsweise auf der Station A430 ein besonderes Beleuchtungskonzept. Unsere Leitstelle ist hell erleuchtet, quasi als Fixpunkt auf der Station, während Bereiche schwächer beleuchtet sind, in die wir nicht leiten wollen. Um die Orientierung zu fördern, gibt es im Zimmer ein ortstypisches Wandbild mit einer großen Zimmernummer. Das Bild findet sich auch an der Tür außen wieder. Außerdem gibt es in jedem Zimmer einen gut lesbaren Kalender für den Tagesrhythmus, mit dem unsere Ergotherapie arbeitet und sich dabei auch um das Gedächtnistraining kümmert. Unsere Pflege arbeitet daran, wieder einen Tagesrhythmus zu geben. Gemeinsam mit Physio- und Ergotherapie sollen unsere Patientinnen und Patienten wieder aktiviert und mobilisiert werden. Das ist immer individuell auf den Fall abgestimmt. Wir schauen, dass wir bei einem Delir nicht so viel hin- und herschieben, also die Ortswechsel verringern. Gleiche Pflegepersonen geben zusätzlich Orientierung. Außerdem er halt en beispielsweise Betroffene, die mobil, aber sturzgefährdet sind, ein spezielles Lauf-Hilfsmittel, damit sie sich zwar bewegen, aber nicht umfallen können. Bei Delir besteht außerdem oft die Gefahr, dass sie die Station verlassen und sich verlaufen. Hier setzen wir Armbänder ein, die die Pflegekraft durch Piepsen informieren, wenn ein Patient die Station verlässt. Erst wenn diese Maßnahmen ausgeschöpft sind, arbeiten meine Kolleginnen und Kollegen zusätzlich mit medikamentösen Therapien.
Welche Aussichten hat eine Delir-Behandlung?
Luisa Keßler: Unsere Erfahrung zeigt, dass mit der entsprechenden Behandlung der Ursachen ein Delir schnell zu managen ist und es nach Tagen oder Wochen in der Regel vollständig abklingt. Durch ein entsprechendes Delir-Management können wir den Behandlungsverlauf positiv beeinflussen. Ziel der Behandlung ist es, dass Betroffene ohne Delir oder mit deutlich milderem Delir nach Hause entlassen werden können.








