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Anatomische Sammlung / Die Sammlung / Geschichte

Geschichte der Anatomischen Sammlung in Jena

Die Sammlungsgeschichte wird hier überblicksartig dargestellt. Weitere Informationen zu einzelnen Personen, Epochen oder Sammlungsbeständen finden Sie unter Highlights und unter Provenienzforschung bzw. über die Literaturhinweise am Ende der Seite.

Rothirsch-Fötus von ca. 24 Wochen. Nachbildung eines barocken Nasspräparats, 2002. Anatomische Sammlung Jena, Inv.Nr. WTP 003. (Foto: Ulrike Lötzsch)

1804 bis 1827

Die Entstehung der Anatomischen Sammlung in Jena geht auf Herzog Carl August von Sachsen-Weimar und seinen Minister Johann Wolfgang von Goethe zurück.

Der Herzog ließ 1779 im Jenaer Schloss ein Museum aus Naturalien, Büchern und Kunstgegenständen einrichten. Mit der Aufsicht über das Naturalienkabinett wurde der herzogliche Leibarzt Justus Christian Loder betraut. Er war ab 1778 Professor für Anatomie und Chirurgie in Jena und gilt als der bedeutendste deutsche Anatom seiner Zeit.

Als Loder Jena 1803 verließ, nahm er seine mehrere tausend Stücke umfassende anatomische Sammlung mit sich. Im Museum blieben nicht einmal die grundlegendsten Präparate für den akademischen Unterricht zurück. In der Folge wurde eine neue Herzogliche Anatomische Sammlung aufgebaut, die in Jena verbleiben musste. Sie umfasste die Anatomie des Menschen (Anthropotomie) und der Tiere (Zootomie). Der jeweilige Leiter des Anatomischen Instituts war für ihre Vermehrung und Bewahrung verantwortlich.

Erster Sammlungsbetreuer war Johann Friedrich Fuchs. Zusammen mit dem Prosektor Carl Ludwig Homburg vermehrte er die Sammlung vor allem um Präparate aus dem laufenden Sektionsbetrieb des Anatomischen Theaters.

1805 wurde der Nachlass des jung verstorbenen Medizindozenten Franz Heinrich Martens angekauft sowie 1820 die Sammlung des Herzoglichen Leibarztes und Medizinprofessors Johann Christian Stark des Älteren.

Aus dieser frühen Phase sind mehrere Sammlungskataloge erhalten, es lassen sich jedoch nur noch wenige Präparate eindeutig dieser Zeit zuordnen.

 

1828 bis 1858

Von Fuchs ging die Sammlungsaufsicht 1827 auf Emil Huschke über. Nachdem Goethe ihn schriftlich genauestens über den Aufbau und die Betreuung der Anatomischen Sammlung unterrichtet hatte, sorgte Huschke 30 Jahre lang für deren Erhalt und Wachstum. Als Kustos stand ihm der Prosektor Gustav August Hanckel zur Seite. Im Jahr 1836 enthielt die Sammlung fast 3.000 Präparate, davon etwa 1.200 pathologisch-anatomische.

Huschkes Forschungsinteressen schlugen sich im Sammlungsbestand nieder. So gingen Ende der 1830er Jahre u.a. zahlreiche Gipsabgüsse von menschlichen Schädeln aus der Sammlung der Phrenologischen Gesellschaft zu Edinburgh ein, die auf Huschkes kraniologische Studien verweisen.

Phrenologische Büste mit Signatur von Anthony O'Neil aus Edinburgh, hergestellt im April 1828. Anatomische Sammlung Jena, Inv.Nr. P 028. (Foto: Marcus Rebhan)

Bereits seit 1808 bestand ein Osteologisch-Zoologisches Kabinett im Herzoglichen Museum und ab 1816 ein Zootomisches Kabinett bei der "Thierarzneyschule". Beide wurden 1843/44 mit dem Anatomischen Kabinett im Jenaer Schloss unter Huschkes Direktion zusammengelegt. Kustos des zootomischen Bestands war der Veterinärmediziner Ernst Johann Ludwig Falke.

Im Jahr 1858 erfolgte der Umzug der menschlich-anatomischen, zoologischen und  osteologischen Sammlungen aus dem Jenaer Schloss in das bis heute genutzte Anatomiegebäude am Teichgraben 7. Er ging mit einer gründlichen Durchsicht und auch Ausmusterung vieler Sammlungsstücke einher.

Zugleich wurden noch unter Huschke neue Sammlungsverzeichnisse angelegt, die die Bestände erstmals systematisch in Abteilungen sortierten und so dem sich ausdifferenzierenden Lehrbetrieb Rechnung trugen.

 

1859 bis 1900

Neuer Sammlungsverantwortlicher wurde der vor allem als Evolutionsmorphologe bekannte Carl Gegenbaur. Er legte auch in der Sammlung einen Schwerpunkt auf die vergleichende Anatomie. Zudem setzte er sich für die Berufung seines Mitarbeiters Ernst Haeckel als erster Professor für Zoologie ein, womit sich diese Disziplin in Jena endgültig vom Lehrstuhl für Anatomie ablöste.

1873 übernahm Gustav Schwalbe für wenige Jahre die Institutsleitung. Als Prosektor war der spätere Anatomieprofessor und langjährige Herausgeber des Anatomischen Anzeigers, Karl von Bardeleben, tätig.

Im Jahr 1881 wurde der Anatom und Entwicklungsbiologe Oscar Hertwig Institutsdirektor. Er begann mit dem Aufbau einer institutseigenen Sammlung mikroskopisch-histologischer Präparate. Auch führte er Projektionsgeräte als Lehrmittel im Unterricht ein, wovon heute unter anderem ein Bestand an historischen Glasdias zeugt.

Sein Nachfolger Max Fürbringer, ein Gegenbaur-Schüler und enger Freund Ernst Haeckels, forschte insbesondere zur Anatomie der Vögel. Seine guten Kontakte zu Zoologischen Gärten in Deutschland, besonders aber der Ankauf der zoologischen Sammlung des Gothaer Naturforschers Karl Theodor Liebe 1896, vermehrten das Anatomische Kabinett um zahlreiche Tierskelette aus aller Welt.

 

1901 bis 1938

Mit Beginn des neuen Jahrhunderts wurde das Anthropotomisch-Zoologische Kabinett aus dem Eigentum des Großherzogtums Sachsen-Weimar-Eisenach an die Universität Jena übergeben. 

Der Anatomieprofessor Friedrich Maurer nahm sich der Sammlung mit sachkundiger Fürsorge an und setzte die vergleichend-anatomische Tradition in Jena fort. Um die Zahl der freiwilligen Körperspenden zu steigern, bot er sonntags Führungen durch das Institut und die Sammlung an. Neuer Prosektor wurde für die nächsten 20 Jahre Heinrich von Eggeling.

Im Jahr 1908 schenkte Ernst Haeckel der Universität das Phyletische Museum. Zu dessen Einrichtung wurden zahlreiche Tierpräparate aus der Anatomischen Sammlung abgegeben.

Skelett eines Laufvogels, das sich heute im Phyletischen Museum befindet. Fotonegativ auf Glasplatte, Anfang 20. Jh.; Format 9 x 12 cm. Anatomische Sammlung Jena, Inv.Nr. X-P 065.

Aus Maurers Zeit stammen Zinnabgüsse von Ernst Haeckels Gehirn, das er seziert hatte. Zugleich bezeugt der Eingang von Gebeinen mehrerer Herero und Nama die kolonial-rassistische Forschung am Institut.

Hans Böker, der 1932 auf Maurer folgte, war ebenfalls vergleichender Anatom und Anhänger lamarckistischer Ideen. Zur Erläuterung der anatomisch-morphologischen Studien Goethes richtete er den bis heute vorhandenen  "Zwischenkiefer-Schrank" ein. Bis 1938 ordnete und inventarisierte Böker die makroskopische, die mikroskopische und die Bildtafelsammlung nach seinen Bedürfnissen neu.

Sein Kollege Ludwig Gräper vertrat seit 1923 als Professor und Prosektor die Embryologie und topografische Anatomie am Institut. 1933 übernahm er kommissarisch die Anstalt für experimentelle Biologie, deren Leiter Julius Schaxel von den Nationalsozialisten verfolgt wurde und in die Sowjetunion emigrierte. Die Bibliothek und verschiedene Gegenstände aus dem Inventar dieser Anstalt gingen ans Anatomische Institut - einige dieser Objekte sind bis heute in der Anatomischen Sammlung erhalten.

 

1938 bis 1950

Obwohl Böker Mitglied der NSDAP und weiterer nationalsozialistischer Organisationen war, blieben seine wissenschaftlichen Überzeugungen mit der sozialdarwinistisch ausgerichtete NS-Ideologie unvereinbar.

Sein Nachfolger Rüdiger von Volkmann hingegen kam 1938 u.a. durch die Unterstützung von Gauleiter Fritz Sauckel ins Amt. Kurzzeitiger Mitarbeiter Volkmanns war Rudolf Spanner, von dem einige Modelle in der Sammlung existieren. Ab 1940 kam Fritz Körner als Professor und Prosektor ans Institut.

Volkmann beschränkte die anatomische Lehre in Jena endgültig auf die Humananatomie. Er ließ modellartige, farbig markierte Präparate, Korrosionspräparate und histologische Demonstrationspräparate anfertigen, von denen einige noch in der Anatomischen Sammlung vorhanden sind. Recherchen zufolge stammen sie nicht von den Körpern von NS-Opfern, obwohl Volkmann mehrere hundert Leichname von Hingerichteten und ermordeten Kranken für sein Institut entgegennahm.

Ein Fliegerangriff auf das benachbarte ZEISS-Werk am 28. Mai 1943 verursachte Gebäudeschäden, betraf aber die Sammlung kaum. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die Institutsleitung zunächst kommissarisch, ab 1948 dann regulär an Fritz Körner übertragen, der 1950 jedoch überraschend verstarb.

 

1951 bis 1989

Neuer kommissarischer Institutsdirektor wurde 1951 Joachim Lewke, bis die Leitung im Folgejahr Hermann Voss übertragen wurde und Lewke als zweiter Professor die Prosektur übernahm. Erst in den 1990er Jahren wurde öffentlich bekannt, dass Voss an der "Reichsuniversität Posen" (Poznan, Polen) NS-Verbrechen unterstützt hatte.

Bericht von Hermann Voss und Joachim Lewke über "Die Reorganisation des Anatomischen Institutes der Friedrich-Schiller-Universität in den Jahren 1951 - 1953". (Foto: Ulrike Lötzsch)

Gemeinsam mit dem Präparator Karl Siegfried Pieper stellte Voss die makroskopischen Präparate der Sammlung thematisch in zwölf Schränken neu auf. Eine zugehörige handschrifliche Liste von 1955 verzeichnet 863 Nummern. Regelmäßig fanden Sammlungsführungen für medizinische Fachklassen und Sanitätsgruppen durch die Institutsassistenten statt.

Die Verwendung und Vermehrung der Sammlung unter dem ab 1962 folgenden Institutsdirektor Günther Geyer und seinem Nachfolger ab 1980, Werner Linß, ist bisher kaum untersucht.

Vermutlich aus den 1970er Jahren stammt eine unvollständige maschinenschriftliche  Liste über die Sammlungsbestände, in der auch neue Inventarnummern vergeben wurden. An den historischen Präparaten und Modellen scheint während der DDR-Zeit kaum Interesse bestanden zu haben.

 

1990 bis 2018

Nach der deutsch-deutschen Wiedervereinigung erforschte die Institutsmitarbeiterin Rosemarie Fröber die Gründungszeit der Sammlung und versuchte, deren Zustand zur Goethe-Zeit zu rekonstruieren. Sie begann mit einer Neuinventarisierung und arbeitete an einer Bilddokumentation.

Mitte der 1990er Jahre wurde die neu hergerichtete anatomische Ausstellung in den nach klassischem Vorbild restaurierten Räumen für Fachpublikum geöffnet. Auch die Sammlungsführungen wurden wieder aufgenommen. In diese Zeit fallen auch die letzten größeren Sammlungseingänge. Sie stammten meist aus Universitätseinrichtungen, die geschlossen oder neu ausgerichtet wurden.

Für die akademische Lehre war mit der Zeit eine gesonderte moderne Lehrsammlung entstanden. Die historischen Bestände bildeten nun unter der wieder aufgegriffenen Bezeichnung Museum anatomicum Jenense eine weitgehend abgeschlossene Sammlung. Dennoch gab es vereinzelte Eingänge, beispielsweise mehrere Plastinate aus der institutseigenen Plastinationsanlage. Eine Inventarliste von Anfang 2018 verzeichnet mehr als zweitausend Präparate und Modelle.

2003 hatte Christoph Redies die Leitung des Instituts für Anatomie I übernommen und dort mit der Aufarbeitung der NS-Zeit begonnen. Dabei wurden auch die historischen Präparate überprüft und Körperteile möglicher NS-Opfer bestattet. Redies' weiteres Engagement galt der Planung und Vorbereitung einer öffentlichen anatomischen Ausstellung.

 

Literatur zur Geschichte der Anatomischen Sammlung

Fröber, R. (2016) Mit Skalpell und Spiritus - Auf den Spuren der Geschichte der Jenenser Anatomie, In: Hahnmann, P./ Steinbach, M. (Hrsg.), Jenaer Jahrbuch zur Technik- und Industriegeschichte, Bd. 19, Jena, Verlag Vopelius, S. 395–417.

Jahn, I., Leitner, U. (2010) Die anatomischen Studien der Brüder Humboldt unter Justus Christian Loder in Jena, In: Ette, O.,  Knobloch, E. (Hrsg.). HiN : Alexander von Humboldt im Netz, XI:21, Potsdam, Universitätsverlag Potsdam, S. 90–96. https://doi.org/10.18443/150

Fröber, R. (2003) Museum Anatomicum Jenense: die anatomische Sammlung in Jena und die Rolle Goethes bei ihrer Entstehung. ‎ Jenzig-Verlag G. Köhler (3. Auflage), 160 Seiten.

Hoßfeld, U., Olsson, L. (2003) The history of comparative anatomy in Jena - an overview. Theory in Biosciences 122:109-126. (Link zur Verlagsseite)

Fröber, R. (2003) The anatomical collection in Jena and the influence of Carl Gegenbaur. Theory in Biosciences 122:148-161. ( Link zur Verlagsseite)

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