Klinische Fortbildungsreihe für Ärzt:innen und Psycholog:innen
Termine 2026
Dienstag, 10. März 2026, 14:00 Uhr
Prof. Dr. med. Jochen Seitz
Die Rolle der Mikrobiom-Darm-Gehirn-Achse bei psychiatrischen Erkrankungen
Schwerpunkt: Esstörungen
Ort: Hörsaal der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Philosophenweg 3, 07743 Jena
Zoom:
Abstract
Das Darmmikrobiom umfasst Bakterien, Viren und Pilze im Darm die über 100x mehr Gene verfügen als der menschliche Körper. Viele Funktionen kann unser Körper gar nicht (mehr) ohne Bakterien ausführen und hat im Laufe der Evolution eine regelrechte Symbiose entwickelt. Sie sind über die Aufspaltung von Nahrung ursächlich an der Regulierung des Körpergewichtes beteiligt, schützen die Darmwand, sind immunologisch aktiv und regulieren Entzündungsprozesse. Über die Mikrobiom-Darm-Hirn Achse nehmen sie auch direkten und indirekten Einfluss auf unser Gehirn und unser Verhalten. Da erstaunt es nicht, dass das Darmmikrobiom auch eine wesentliche Rolle bei psychiatrischen Erkrankungen im Allgemeinen und bei Essstörungen im Speziellen zu spielen scheint.
In diesem Vortrag wird ein Überblick über den aktuellen Stand der klinischen und tierexperimentellen Studien zur Rolle des Darmmikrobioms in der Psychiatrie gegeben.
Es fanden sich bei bisher allen untersuchten Störungen Unterschiede im Darmmikrobiom zwischen Patienten und gesunden Kontrollen in Bezug auf Diversität und das Vorkommen einzelner Taxa. Hier muss jedoch wegen des großen Einflusses der Nahrung auf die Darmbakterien von sekundären Epiphänomenen unterschieden werden. Hinweise auf kausale Einflüsse konnten mit keimfreien Tiermodellen, durch Präbiotika-Gabe und Stuhltransplantationen bereits bei Erkrankungen wie entzündlichen Darmerkrankungen, Angststörungen, Depression, ADHS, Autismus, Adipositas und Anorexia Nervosa nachgewiesen werden. Bei einzelnen Erkrankungen spielten der Nervus vagus, Entzündung, immunologische Prozesse und Oxytocinrezeptoren eine kausale Rolle.
Ein besseres Verständnis der Rolle des Darmmikrobioms bei der Entstehung und Aufrechterhaltung von psychiatrischen und psychosomatischen Erkrankungen kann zu neuen therapeutischen Ansätzen führen, z.B. durch gezielte Nahrungsinterventionen, Antibiotika-Einsatz, Pro- und Präbiotika oder sogar Stuhltransplantationen.
Referent
Prof. Dr. med. Jochen Seitz (53) leitet seit 2023 die Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes und Jugendalters an der LVR-Universitätsklinik in Duisburg-Essen. Von 2015 bis 2023 war der gebürtige Jülicher als Oberarzt in der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters Uniklinik der RWTH Aachen tätig, wo er 2018 auch habilitierte („Die Veränderung des Gehirnvolumens im Verlauf der adoleszenten Anorexia nervosa“). Seitz studierte Medizin an der Universität Witten/Herdecke mit akademischen Auslandsaufenthalten in den USA, der Schweiz, den Niederlanden und Kenia. Anschließend absolvierte er zwei PostDoc-Jahre im Neuroimaging-Institut bei Rainer Goebel an der Universität Maastricht. In Aachen gründete und leitete er die Arbeitsgruppe „Translationale Essstörungsforschung“, um funktionelle und strukturelle Gehirnveränderungen bei Essstörungen zu verstehen und Behandlungsmöglichkeiten zu entwickeln. Seine neuesten Forschungsinteressen betreffen den Zusammenhang zwischen der Mikrobiom-Darm-Gehirn-Achse und psychischen Erkrankungen, insbesondere der Anorexia nervosa. Zu diesem Thema koordinierte er zuletzt zusammen mit Frau Prof. Herpertz-Dahlmann einen europaweiten Forschungsverbund.
Mittwoch, 11. März 2026, 14:00 Uhr
Dr. med. Susanne Simen
Peripartalpsychiatrie
Bedeutung, Früherkennung und Behandlung + UplusE Studie
Ort: Hörsaal der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Philosophenweg 3, 07743 Jena
Zoom:
Abstract
Schwangerschaft, Geburt und die ersten Monate nach der Entbindung (Peripartalzeit) sind für Frauen und Familien eine Phase tiefgreifender Veränderungen. Neben Freude und Hoffnung können Angst, Überforderung und Erwartungsdruck psychische Belastungen begünstigen; auch vorbestehende Erkrankungen können reaktiviert werden. In unserem Eltern-Kind-Behandlungssetting an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Jena bieten wir ambulante, tagesklinische und stationäre Unterstützung unter Einbezug der Kinder an. Dennoch bleibt ein Teil der Betroffenen unzureichend versorgt. Um die Versorgungssituation und notwendige Vernetzung in den Fokus zu rücken, freuen wir uns auf den Vortrag von Frau Dr. Simen.
Was bedeutet UplusE?
Im Rahmen der UPlusE Studie soll ein App-basiertes Screening zur Früherkennung depressiver Entwicklungen, psychosozialer Belastungen und Problemen in der Eltern-Kind-Beziehung etabliert werden. Sowohl (werdende) Mütter als auch Väter sollen zum Ende der Schwangerschaft und im ersten Lebensjahr des Kindes regelmäßig befragt werden. Diese Befragungen werden an die Vorsorgeuntersuchungen beim Gynäkologen bzw. U-Untersuchungen
beim Pädiater gekoppelt. Aufgrund dieser Daten erfolgt eine bedarfsgerechte Vermittlung von Hilfsangeboten für die Betroffenen. Weitere Info: www.upluse.de
Referentin
Dr. med. Susanne Simen ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie und bereichsleitende Oberärztin am Klinikum Nürnberg, Universitätsklinik der PMU. Sie baute dort spezialisierte Versorgungsstrukturen der Perinatalpsychiatrie auf, darunter eine peripartal-psychiatrische Ambulanz, eine Mutter-Kind-Tagesklinik sowie einen konsiliarischen Dienst in den Frauenkliniken. Ihr wissenschaftlicher Schwerpunkt liegt auf Versorgungsforschung, Screening und gestuften Interventionen bei peripartalen Depressionen. Sie leitet drittmittelgeförderte Projekte, darunter die vom Innovationsfonds des G-BA geförderte Studie UPlusE, und wirkt an der S3-Leitlinie PERIPSYCH mit.