Neuroendokrine Tumoren (NET) des Pankreas
Neuroendokrine Tumoren (NET), früher auch als Inselzelltumoren bezeichnet, sind seltene Tumore, die aus den hormonproduzierenden Zellen der Bauchspeicheldrüse (Langerhans-Inseln) entstehen. Im Gegensatz zum viel häufigeren Pankreaskarzinom, das von den Drüsenzellen der Bauchspeicheldrüse ausgeht, wachsen NETs oft langsamer und haben häufig eine bessere Prognose. Man unterscheidet funktionell aktive (hormonproduzierende) und funktionell inaktive (nicht-hormonproduzierende) Tumoren.
- Funktionell aktive NETs
Diese Tumoren produzieren Hormone im Übermaß, was zu spezifischen Symptomen führt. Die Symptome hängen davon ab, welches Hormon in welcher Menge produziert wird.
Insulinom: Produziert Insulin im Übermaß, was zu Unterzuckerung (Hypoglykämie) führt. Symptome können Schwäche, Schwindel, Verwirrtheit und Herzrasen sein.
Gastrinom: Produziert Gastrin, was die Magensäureproduktion ankurbelt. Dies führt oft zu multiplen Magengeschwüren und Durchfall (Zollinger-Ellison-Syndrom).
Glukagonom: Produziert Glukagon, was zu einem Anstieg des Blutzuckerspiegels und oft zu einem charakteristischen Hautausschlag (nekrolytisches migratorisches Erythem) führt.
VIPom: Produziert VIP (vasoaktives intestinales Peptid), was zu einem wässrigen, sekretorischen Durchfall führt (WDHA-Syndrom).
2. Funktionell inaktive NETs
Diese Tumoren produzieren keine Hormone oder zumindest keine, die zu klinischen Symptomen führen. Sie werden oft zufällig bei einer Routineuntersuchung entdeckt und ihre Symptome sind in der Regel auf die Tumorgröße zurückzuführen (z. B. Bauchschmerzen, Druckgefühl, Gelbsucht bei Verdrängung des Gallengangs).
Die Diagnose von Pankreas-NETs erfolgt durch eine Kombination aus:
- Labordiagnostik: Bei funktionell aktiven Tumoren werden die entsprechenden Hormonspiegel (z. B. Insulin, Gastrin) im Blut gemessen. Bei allen NETs können unspezifische Tumormarker wie Chromogranin A erhöht sein.
- CT und MRT: Zur Darstellung des Tumors, seiner Größe und Lage sowie zur Suche nach Metastasen.
- Funktionelle Bildgebung (PET): Mit speziellen Substanzen wie Ga-68-Dotatate wird ein PET/CT oder PET/MRT durchgeführt, um die Rezeptoren auf der Oberfläche der Tumorzellen nachzuweisen (Somatostatin-Rezeptor-Szintigraphie). Diese Methode ist extrem empfindlich für neuroendokrine Tumoren.
Behandlung
Die Behandlung hängt von verschiedenen Faktoren ab: dem Tumortyp (funktionell aktiv/inaktiv), der Größe, dem Wachstumsgrad, der Ausbreitung (Metastasen) und dem Allgemeinzustand des Patienten.
Chirurgische Entfernung: Bei lokalisierten Tumoren, die vollständig entfernt werden können, ist die Operation die Therapie der Wahl und oft die einzige Möglichkeit zur Heilung. Je nach Lage werden ähnliche Eingriffe wie bei Pankreaskarzinomen durchgeführt (z. B. distale Pankreatektomie oder Whipple-Operation).
Medikamentöse Therapie:
- Somatostatin-Analoga: Medikamente, die die Hormonproduktion und das Tumorwachstum hemmen (z. B. Octreotid). Sie werden vor allem bei funktionell aktiven Tumoren zur Symptomkontrolle eingesetzt.
- Gezielte Therapien (Targeted Therapies): Medikamente wie Everolimus oder Sunitinib, die gezielt Signalwege in den Tumorzellen blockieren.
- PRRT (Peptid-Rezeptor-Radioligandentherapie): Eine moderne Therapieform, bei der ein radioaktives Medikament gezielt zu den Tumorzellen transportiert wird, um diese von innen zu bestrahlen. Sie wird bei fortgeschrittenen, metastasierten Tumoren angewendet.
- Chemotherapie: Wird bei sehr aggressiven Tumoren oder bei bestimmten molekularen Eigenschaften eingesetzt.
Literaturangaben
S3-Leitlinie Neuroendokrine Tumoren (NET). (Stand 2023). Leitlinienprogramm Onkologie. (URL: https://www.leitlinienprogramm-onkologie.de/leitlinien/neuroendokrine-tumore/)
Pavel, M., et al. (2020). ENETS Guidelines for the Diagnosis and Treatment of Pancreatic Neuroendocrine Neoplasms (p-NENs).
Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS).
(URL:https://www.dgvs.de/leitlinien/)
Jensen, R. T., et al. (2015). Neuroendocrine Tumors of the Pancreas. Endocrinology and Metabolism Clinics of North America, 44(2), 427-449.