Anschließend prüft Physiotherapeutin Annette Koch Gleichgewicht und Mobilität mit dem Test nach Tinetti: „Wir schauen jetzt mal, wie mobil Sie sind.“ Sie bittet den Patienten, sich an die Bettkante zu setzen, mit den Zehen zu tippen, aufzustehen, die Augen zu schließen und sich zu drehen. Auch ein paar Schritte mit der Gehbank soll er gehen. Einige Aufgaben gelingen, andere nur mit Hilfe. Die Physiotherapeutin bleibt stets dicht genug, um Sicherheit zu geben. Außerdem misst sie seine Handkraft mit einem Dynamometer. Ihr Fazit: „Seine Kondition ist eingeschränkt, die Muskelkraft deutlich reduziert. Er zeigt ein erhöhtes Sturzrisiko.“
Carolin Gantz vom Sozialdienst ergänzt das Assessment um soziale Aspekte wie Wohnsituation, bereits vorhandene Hilfsmittel, soziale Kontakte und genutzte Unterstützungsangebote. Während viele dieser Angaben auf Gesprächen beruhen, lassen sich grundlegende Alltagsfähigkeiten am besten beobachten. Deshalb schätzen die Pflegekräfte auf Station diese mit dem Barthel-Index ein. Er zeigt, wie selbstständig jemand essen, sich waschen, anziehen oder zur Toilette gehen kann.
Therapie mit Ziel
Alle Professionen tauschen sich anschließend aus und entwickeln einen individuellen Therapieplan für den Patienten. Wichtig dabei ist auch Manfred Lehmanns persönliches Ziel: wieder nach Hause zurückkehren. Die 14-tägige geriatrische Komplexbehandlung ist darauf abgestimmt. Für ihn heißt das: mindestens 20 Therapieeinheiten Physiotherapie und Ergotherapie sowie aktivierende-therapeutische Pflege, um wieder selbstständig aufstehen und mit dem Rollator gehen zu können. Hinzu kommen eine angepasste Ernährung wegen des Gewichtsverlusts und die beratende Mitbetreuung durch die Hepatologie aufgrund seiner Lebererkrankung. In der wöchentlichen Teamvisite überprüfen alle gemeinsam die Fortschritte und passen die Maßnahmen und Zielstellungen an.
„Die geriatrische Komplexbehandlung zielt darauf ab, ältere Menschen in ihrer gesamten Funktionsfähigkeit zu stärken. Sie orientiert sich dabei an dem, was für die Patientinnen und Patienten möglich und wichtig ist“, so Dr. Anna Fomina. „Nicht alles ist in zwei Wochen erreichbar. Entscheidend ist, die richtigen Impulse zu setzen.“ Das geriatrische Assessment legt dafür die Basis. Manfred Lehmann ist auf einem guten Weg: Denn nach einer Woche ist sein Barthel-Index schon von 40 auf 65 gestiegen. Er kommt seinem Ziel also immer näher.
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