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Zurück zu mehr Selbstständigkeit

Wie Assessment und Komplexbehandlung in der Geriatrie am UKJ ineinandergreifen

Patient Manfred Lehmann zeichnet 11.10 Uhr in die Uhr ein. Maximilian Sieg, Assistenzarzt in der Geriatrie, prüft damit, ob Hinweise auf Demenz vorliegen.

Manfred Lehmann sitzt auf der Bettkante im Patientenzimmer der geriatrischen Station A430, die Füße fest auf dem Boden. Ihm gegenüber hält Assistenzarzt Maximilian Sieg Laptop und Klemmbrett bereit. „Ich würde gern noch einmal den Uhren-test mit Ihnen machen“, sagt er. Der Patient nickt. Den Test kennt er bereits aus der Klinik, in der er zuvor wegen eines Oberschenkelhalsbruchs nach einem Sturz behandelt wurde. Die Operation verlief komplikationslos. Für eine anschließende Rehabilitationsmaßnahme in einer Rehaklinik kam der 73-Jährige jedoch nicht infrage, da seine Leberzirrhose weiterhin engmaschig akutmedizinisch betreut werden muss. Deshalb übernimmt die Geriatrie die weitere Behandlung und Mobilisation.

Ausführliche medizinische Anamnese

„Es ist zehn nach elf“, erklärt der Assistenzarzt. Manfred Lehmann zeichnet Zahlen und setzt Zeiger. „Stimmt das so?“, fragt er etwas unsicher. Maximilian Sieg nickt. Die Zeiger sind zwar etwas ungleichmäßig, aber korrekt gesetzt. Kein Hinweis auf eine Demenz, nur der Hinweis, den der Assistenzarzt mit einem Lächeln ergänzt: „Der größte Maler werden Sie aber wohl nicht mehr.“

Dr. Anna Fomina, Oberärztin in der Geriatrie, im Gespräch mit Manfred Lehmann.

Der Uhrentest ist nur ein Bestandteil des geriatrischen Assessments, das körperliche, geistige und soziale Aspekte älterer Menschen systematisch erfasst. Ärztinnen und Ärzte, Pflege, Physio- und Ergotherapie, Psychologie, Logopädie und Sozialdienst bringen ihre Perspektive ein. „Standardisierte Tests bringen Klarheit. Nur wenn wir Einschränkungen und Ressourcen der Patientinnen und Patienten genau kennen, können wir realistische Ziele definieren – für mehr Selbstständigkeit und Lebensqualität“, sagt Dr. Anna Fomina, Oberärztin in der Klinik für Geriatrie.

Nach dem Uhrentest erhebt Maximilian Sieg die medizinische Vorgeschichte des Patienten und stellt ihm dafür viele Fragen zu seinem Alltag – einfühlsam und leicht verständlich. Die meisten davon lassen sich mit Ja oder Nein beantworten: Hat er Schwierigkeiten, mehr als fünf Kilogramm zu tragen? Isst er regelmäßig? Gab es Stürze? Besonders Stürze gelten in der Geriatrie als zentrales Warnsignal. Die Antworten fließen in standardisierte Skalen ein wie die Frailty-Skala für Gebrechlichkeit, das Nutritional Risk Screening für Mangelernährung und den SARC-F-Wert zur Sarkopenie, dem altersbedingten Verlust von Muskelmasse und Funktionalität.

Bei der allgemeinen körperlichen Untersuchung tastet Maximilian Sieg unter anderem den operierten Bereich ab, prüft Schwellungen und Beweglichkeit. Manfred Lehmann gibt klare Rückmeldungen zu Druckpunkten und Schmerzen. Weitere Tests folgen: Zunge rausstrecken, Wangen aufpusten, Stirn runzeln, Augen einzeln schließen und Arme abwechselnd heben. Denn auch neurologische Auffälligkeiten soll die ärztliche Untersuchung erkennen. Dann folgt der Ultraschall von Brustkorb und Bauchorganen. Vor allem den Bauch schaut er sich genau an, da der 73-Jährige seit kurzem über einen aufgeblähten Bauch klagt. „Ordentlich Wasser haben Sie im Bauch, mindestens sechs bis sieben Liter“, sagt der Assistenzarzt.

Geist, Mobilität und Soziales im Fokus

Physiotherapeutin Annette Koch prüft Gleichgewicht und Mobilität.

Zum Assessment gehören auch die psychologische, physio- und ergotherapeutische sowie soziale Einschätzung des Patienten. Psychologin Isabel Baderschneider überprüft mit dem Montreal-Cognitive-Assessment-Test, kurz MoCa, ob frühe Demenzstadien vorliegen könnten. Dafür wiederholt Manfred Lehmann Begriffe, Sätze und Zahlen in einer bestimmten Reihenfolge, nennt so viele Wörter mit dem Anfangsbuchstaben F wie möglich und benennt Tiere. Auch die Uhr darf er noch einmal zeichnen. Er arbeitet konzentriert, blickt immer wieder kurz zur Psychologin, um sicherzugehen, dass er alles richtig verstanden hat. Mit einem Wert von 22 von 30 zeigt der Test eine leichte kognitive Funktionseinschränkung. Ein Screening auf Depression bestätigt Isabel Baderschneiders Vermutung: „Keine Depression, aber eine Anpassungsstörung, die wir bei älteren Menschen nach Stürzen häufig sehen.“

Psychologin Isabel Baderschneider testet, ob der Patient bestimmte Begriffe, Sätze und Zahlen nachsprechen und Tiere benennen kann.

Anschließend prüft Physiotherapeutin Annette Koch Gleichgewicht und Mobilität mit dem Test nach Tinetti: „Wir schauen jetzt mal, wie mobil Sie sind.“ Sie bittet den Patienten, sich an die Bettkante zu setzen, mit den Zehen zu tippen, aufzustehen, die Augen zu schließen und sich zu drehen. Auch ein paar Schritte mit der Gehbank soll er gehen. Einige Aufgaben gelingen, andere nur mit Hilfe. Die Physiotherapeutin bleibt stets dicht genug, um Sicherheit zu geben. Außerdem misst sie seine Handkraft mit einem Dynamometer. Ihr Fazit: „Seine Kondition ist eingeschränkt, die Muskelkraft deutlich reduziert. Er zeigt ein erhöhtes Sturzrisiko.“

Carolin Gantz vom Sozialdienst ergänzt das Assessment um soziale Aspekte wie Wohnsituation, bereits vorhandene Hilfsmittel, soziale Kontakte und genutzte Unterstützungsangebote. Während viele dieser Angaben auf Gesprächen beruhen, lassen sich grundlegende Alltagsfähigkeiten am besten beobachten. Deshalb schätzen die Pflegekräfte auf Station diese mit dem Barthel-Index ein. Er zeigt, wie selbstständig jemand essen, sich waschen, anziehen oder zur Toilette gehen kann.

Therapie mit Ziel

Alle Professionen tauschen sich anschließend aus und entwickeln einen individuellen Therapieplan für den Patienten. Wichtig dabei ist auch Manfred Lehmanns persönliches Ziel: wieder nach Hause zurückkehren. Die 14-tägige geriatrische Komplexbehandlung ist darauf abgestimmt. Für ihn heißt das: mindestens 20 Therapieeinheiten Physiotherapie und Ergotherapie sowie aktivierende-therapeutische Pflege, um wieder selbstständig aufstehen und mit dem Rollator gehen zu können. Hinzu kommen eine angepasste Ernährung wegen des Gewichtsverlusts und die beratende Mitbetreuung durch die Hepatologie aufgrund seiner Lebererkrankung. In der wöchentlichen Teamvisite überprüfen alle gemeinsam die Fortschritte und passen die Maßnahmen und Zielstellungen an.

„Die geriatrische Komplexbehandlung zielt darauf ab, ältere Menschen in ihrer gesamten Funktionsfähigkeit zu stärken. Sie orientiert sich dabei an dem, was für die Patientinnen und Patienten möglich und wichtig ist“, so Dr. Anna Fomina. „Nicht alles ist in zwei Wochen erreichbar. Entscheidend ist, die richtigen Impulse zu setzen.“ Das geriatrische Assessment legt dafür die Basis. Manfred Lehmann ist auf einem guten Weg: Denn nach einer Woche ist sein Barthel-Index schon von 40 auf 65 gestiegen. Er kommt seinem Ziel also immer näher.

 

Sie möchten mehr zur Geriatrie am UKJ erfahren? Dann schauen Sie gern in unsere Ausgabe des UKJ-Klinikmagazins "Gut Alter(n)".

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