Goethe hielt seine morphologischen Beobachtungen in vielen Skizzen, Zeichnungen und Texten fest. Am bekanntesten sind seine Arbeiten über Schädelknochen. So vertrat Goethe die Auffassung, der knöcherne Schädel sei eine Umbildung der obersten drei Wirbel der Halswirbelsäule. 1786 veröffentlichte er eine zwei Jahre zuvor verfasste, mit mehreren Bildtafeln versehene Arbeit über den Zwischenkieferknochen (Os intermaxillare oder Os incisivum).
Dieser Knochen ist beim Menschen embryonal angelegt, verschmilzt aber meist noch vor der Geburt vollständig mit dem Oberkiefer. So entsteht leicht der Eindruck, als gäbe es diesen Knochen beim Menschen nicht. Viele Zeitgenossen Goethes sahen das scheinbare Fehlen des Zwischenkieferknochens als Beweis für eine besondere Stellung des Menschen gegenüber den Tieren an.
Goethe hatte aber zusammen mit Loder am 27. März 1784 in Jena selbst den Zwischenkieferknochen an einem menschlichen Schädel entdeckt. Dies war für ihn ein klarer Hinweis darauf, dass der Mensch eng mit den Säugetieren verwandt ist. Vor Goethe hatten schon andere Naturforscher diese wichtige Entdeckung gemacht, z.B. der Franzose Félix Vicq d'Azyr.
Der Jenaer Anatom Hans Böker richtete Mitte der 1930er Jahre einen Schrank zum Thema Zwischenkiefer und Wirbeltheorie des Schädels ein. Anlass war, neben Goethes 100. Todestag, dass im August 1935 die 43. Anatomenversammlung in Jena stattfand. Böker ließ allen Teilnehmern ein Goethe-Gedenkblatt überreichen.
Für unsere Ausstellung wurde der Böker-Schrank nach einer fotografischen Aufnahme von 1935 wieder hergerichtet. Er enthält einige Originalpräparate Goethes, so unter anderem Walross-Kiefer und den Schädel eines Hirschebers.
(Text: U. Lötzsch, Anatomische Sammlung Jena; Stand Januar 2026)
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