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Anatomische Sammlung / Provenienzforschung / Kolonialismus

Koloniale Kontexte am Institut für Anatomie

Im Zusammenhang mit dem europäischen Kolonialismus tut sich ein weites Feld von systematischer unethischer und unrechtmäßiger Aneignung, Erforschung und Ausstellung von ancestral remains auf. Während der Provenienzrecherchen für die neue Daueraustellung der Anatomischen Sammlung ab Ende 2020 gerieten koloniale Kontexte erstmals in den Fokus. Im Rahmen eines Forschungsprojektes zu ancestral remains aus ehemaligen deutschen Kolonien (siehe weiter unten), gefördert vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste, wurde auch die koloniale Vergangenheit des Instituts erforscht.

Wir verwenden ancestral remains weder in der Ausstellung, Forschung oder Lehre noch bilden wir sie auf Fotos oder in Videos ab.

Gemeinsame Leitlinien zum Umgang mit Kulturgütern und menschlichen Überresten aus kolonialen Kontexten von Bund, Ländern und Kommunen vom Oktober 2025

"Das Konzept der Rasse ist das Ergebnis von Rassismus und nicht dessen Voraussetzung." - Informationen und Handreichung zur Jenaer Erklärung von 2019

Chung Ahoe, etwa 18jährig. Büste aus Gips, Original von Eduard Schmidt von der Launitz, Frankfurt 1854. Anatomische Sammlung Jena, Inv.Nr. P 016. (Foto: Christoph Redies)

Ancestral remains aus der ganzen Welt

In den historischen Sammlungsverzeichnissen lassen sich ancestral remains von fast 100 Menschen nachweisen. Etwa 40 von ihnen konnten bis heute in der Sammlung mit hoher Wahrscheinlichkeit identifiziert werden. Außerdem sind 50 Gipsabgüsse und Büsten menschlicher Schädel, Köpfe oder Gesichter vorhanden. Die Menschen stammten von allen Kontinenten.

Anfang des 19. Jahrhunderts wurden unter Johann Friedrich Fuchs zuerst einige Präparate aus den Körpern Schwarzer Menschen in die Sammlung aufgenommen. Ein mumifizierter Körper und zwei Köpfe von Menschen aus dem Alten Ägypten gingen ebenfalls in dieser frühen Phase bis ca. 1820 in die Sammlung ein. Um 1835 begann Emil Huschke mit kraniologischen Studien und dem systematischen Aufbau einer "Schädelsammlung". Er kaufte u.a. die Schädel von zehn Menschen aus dem damaligen "Niederländisch-Indien" (heute Indonesien), die der auf Java stationierte Arzt Georg Joseph August Kollmann beschafft hatte.

Zwischen 1856 und 1870 gab Großherzog Carl Alexander von Sachsen-Weimar-Eisenach die Schädel von 17 Menschen aus dem heutigen Indonesien sowie die Gesichtsabgüsse von zehn Menschen aus dem Himalaya und aus Nordamerika, welche die Brüder Schlagintweit angefertigt hatten, in die Sammlung. Weitere Schädel von Menschen aus Australien, Südamerika und Indonesien erhielt das Institut beispielsweise vom Jenaer Chirurgieprofessor Franz Jordan von Ried. Aus der Zeit vor 1900 stammen zudem sechs Büsten des Bildhauers Eduard Schmidt von der Launitz, die Personen unterschiedlicher Herkunft als "Menschentypen" darstellen.

Im Jahr 1912 schließlich nahm die Anatomische Anstalt ancestral remains mehrerer Menschen aus dem heutigen Namibia von Leonhard Schultze(-Jena) entgegen. Sie waren höchstwahrscheinlich Opfer des Genozids an Nama und Herero im damaligen "Deutsch-Südwestafrika" geworden, wie unsere Nachforschungen 2021/22 ergaben. Die erst 1997 in die Sammlung aufgenommenen, aber deutlich älteren dekorierten Schädel von acht Menschen aus der Sepik-Region in Papua-Neuguinea waren ebenfalls Teil dieses Forschungsprojekts.

Präpariermikroskop von Richard Semon. Carl Zeiss, ausgeliefert 1893. Anatomische Sammlung Jena, Inv.Nr. T 002. (Foto: Ulrike Lötzsch)

Kolonial-rassistische Forschung

An den Anatomischen Instituten gehörten Untersuchungen über vermeintliche „Menschenrassen“ im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ganz selbstverständlich zur  aktuellen Forschung. Häufig eingereiht in eine "Raçenschädel"-Sammlung, wurden ancestral remains oder entsprechende Gipsabgüsse wiederholt für rassistische Forschung und Lehre missbraucht. Damit waren die Anatomen nicht nur an der folgenschweren Konstruktion vermeintlicher "Menschenrassen" und ihrer angeblichen Hierarchie beteiligt. Als Hochschullehrer trugen sie auch Verantwortung dafür, dass sich der wissenschaftliche Rassismus in ihrer Disziplin rasch verfestigte.

Als Schlüsselfigur für Jena und weit darüber hinaus ist der Zoologe und Begründer der Abstammungslehre Ernst Haeckel bekannt, der in den 1860er Jahren als Dozent an der Anatomischen Anstalt tätig und ihr zeitlebens eng verbunden war. Haeckel und die Jenaer Anatomen hatten an der Diskussion über anatomisch-anthropologische Fragestellungen Forscherverbünden und akademisch-bürgerlichen Netzwerken regen Anteil. Insbesondere sind zu nennen:

die Medicinisch-naturwissenschaftliche Gesellschaft zu Jena (gegr. 1853). Diese wertete in ihren Denkschriften u.a. die "Forschungsreisen" Jenaer Wissenschaftler ausführlich aus. Neben der Reise des erwähnten Leonhard Schultze im damaligen "Deutsch-Südwestafrika" war dies die zoologische Forschungsreise des Anatomie-Assistenten Richard Semon von 1891-93 in Australien, Neuguinea und Indonesien. Max Fürbringer verwahrte die nach Jena verschickten Objekte, Tiere und menschlichen Schädel am Anatomischen Institut und beteiligte so gut wie alle Mitarbeiter der Anatomie an der Publikation.

die Deutsche Anthropologische Gesellschaft, Zweigverein Jena (gegr. 1877). Anatomieprofessoren gehörten zu den Gründungsmitgliedern oder traten bald bei. Im Februar 1879 trug der Jenaer Arzt Karl Eduard Martin dort über einige ancestral remains aus der Anatomischen Sammlung vor und präsentierte im Juni 1880 einen Jugendlichen aus Neukaledonien.

die Geographische Gesellschaft (für Thüringen) zu Jena (gegr. 1880). Hier wurde u.a. ein anthropologischer Fragebogen für die Feldforschung diskutiert, den der Anatomieprofessor Karl von Bardeleben um 1883 entwickelt hatte. Im Mai 1900 zeichnete die Geographische Gesellschaft für eine der ersten deutschen Kolonialausstellungen verantwortlich, die von ihrem Ehrenpräsidenten Ernst Haeckel im Jenaer Volkshaus eröffnet wurde.

An der Jenaer Anatomie selbst begann rassistische Forschung spätestens 1806/07 mit der Anfertigung von Präparaten aus dem Leichnam eines Schwarzen Mannes. Institutsdirektor Emil Huschke befasste sich dann mehr als zwei Jahrzehnte mit Schädel- und Gehirnvermessungen, wofür er gezielt ancestral remains und Schädelabgüsse ankaufte. 1854 veröffentlichte er die Monografie Schädel, Hirn und Seele des Menschen und der Thiere nach Alter, Geschlecht und Race. Einen zweiten Höhepunkt rassistischer Forschung gab es ab 1901 unter Friedrich Maurer: Zwischen 1909 bis 1922 publizierten der Prosektor Heinrich v. Eggeling und mehrere Medizinstudenten ihre anatomischen Beobachtungen an ancestral remains aus dem heutigen Namibia, die Maurer von Leonhard Schultze entgegengenommen hatte. Der folgende Institutsleiter Hans Böker hatte selbst mehrere zoologische Forschungsreisen u.a. auf die Kanarischen Inseln, nach Brasilien, Nordafrika und in die Karibik unternommen

Die ab Mitte der 1990er Jahre für die Anatomische Sammlung gänzlich neu erstellten Bestandslisten lassen erkennen, dass während der DDR-Zeit das Wissen um die koloniale Herkunft und rassistische Verwendung der noch vorhandenen ancestral remains und Abgüsse nicht weitergegeben wurde.

"Ahnenschädel" aus der mittleren Sepik-Region, mit aufmodelliertem Gesicht und Dekoration (künstlerische Darstellung durch Jens Geiling)

Forschungsprojekt deutsche Kolonien

Das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste (DZK) förderte 2022 unser Kurzprojekt zur Erforschung der Provenienzen von ancestral remains aus ehemaligen deutschen Kolonien. Vier dieser Menschen stammten aus dem heutigen Namibia (Nama, Herero), acht aus der mittleren Sepik-Region im heutigen Papua-Neuguinea.

Mithilfe nicht-invasiver anthropologischer Untersuchungsmethoden konnten die ancestral remains sicher identifiziert und die Wahrscheinlichkeit ihrer Herkunft aus den angegebenen Regionen eingeschätzt werden. Auch die meisten Angaben, die wir über die einzelnen Menschen machen können, stammen aus dieser Begutachtung. Für zwei Schwarze Menschen konnte ihre Herkunft nicht ermittelt werden. Wie die einzelnen Personen hießen und wer sie tatsächlich waren, konnten wir nicht herausfinden. 

Wir haben zur historischen Situation vor Ort, beteiligten Institutionen, Personen und Netzwerken sowie zum Umgang mit und der Verwendung der ancestral remains recherchiert. Auch zu den Aneignern und der Jenaer Institutsgeschichte wurde geforscht. Der ausführliche Projektbericht wurde vom DZK in die Datenbank Proveana eingepflegt. Er kann bei berechtigtem Interesse von der Anatomischen Sammlung in Jena angefordert werden (in deutscher oder englischer Sprache).

Hier können Sie eine kurze Zusammenfassung der Projektergebnisse in deutscher Sprache herunterladen (pdf).

Im März 2024 stellte die Anatomische Sammlung die Projektinformationen der Koordinierungsstelle des Decolonize Berlin e.V. für die App Wewantthemback zur Verfügung.

Ancestral remains von Menschen aus dem heutigen Namibia / südlichen Afrika

Zeitgenössische Publikationen lassen darauf schließen, dass Anfang des 20. Jahrhunderts Körper oder Köpfe von mindestens zehn Individuen aus dem heutigen Namibia durch Leonhard Schultze ans Anatomische Institut gegeben wurden. Schultze war zwischen 1903 und 1905 als Forscher und Kriegsberichterstatter im damaligen Deutsch-Südwestafrika unterwegs und berichtete offen über seine anthropologischen Untersuchungen an Gefangenen und die Aneignung von ancestral remains. Es ist daher nahezu zwingend davon auszugehen, dass der Tod der genannten Menschen im Zusammenhang mit dem deutschen Völkermord an Herero und Nama zwischen 1904 und 1908 steht. Dafür sprechen auch das durchweg junge Sterbealter und die häufigen Anzeichen für lang anhaltende Mangelernährung.

Auch für den Tod zweier Jugendlicher, deren Schädel von einem Dr. Eilers in die Anatomische Sammlung gegeben wurden, ist dies ein wahrscheinlicher Hintergrund. Bei Dr. Eilers handelte es sich vermutlich um den damaligen Assistenten des Anatomischen Instituts.

Die Botschaft von Namibia in Deutschland sowie die Vertreter von Nama und Herero wurden über die Projektergebnisse informiert. 2024 fand ein persönlicher Austausch mit dem Herrn Botschafter statt. 

Ancestral remains von Menschen aus dem heutigen Papua-Neuguinea

Im Jahr 1997 übernahm die Anatomische Sammlung die verzierten Schädel von acht Menschen ohne weitere schriftliche Dokumentation. Um 2010 erfolgte bereits die geografische Zuordnung zum heutigen Papua-Neuguinea. Im Projekt konnte die Herkunft der Verstorbenen auf den Mittellauf des Sepik-Flusses im Nordosten der Insel Neuguinea eingegrenzt werden. Solche verzierten "Ahnenschädel" waren in Europa sehr begehrt und wurden daher zu hunderten eingetauscht und gehandelt, aber auch gewaltsam angeeignet.

Die Schädel in Jena lassen sich sechs Personen im Alter von 20 bis 60 Jahren sowie zwei Kindern von 11 bis 14 Jahren und 4 bis 6 Jahren zuordnen. Durch unsere Recherchen ließen sich weder der Zugang der acht verzierten Schädel nachweisen noch ein Abgeber ermitteln. Als möglicher Beschaffer kommt aber auch hier Leonhard Schultze infrage, der 1910/11 die deutsch-niederländische Grenzexpedition in "Deutsch-Neuguinea" leitete und von dort ancestral remains und Etnographika zunächst nach Jena brachte.

Das Papua New Guinea National Museum wurde über die Projektergebnisse informiert. 2023 fand ein persönlicher Austausch mit Vertretern aus Wissenschaft und Politik aus PNG statt.

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