Jena (UKJ/ac). Als Wilhelm Schülein plötzlich eine Schwellung am Hals bemerkte, hielt er sie zunächst für einen Insektenstich. Die Schwellung des 69-Jährigen aus Franken stellte sich jedoch als aggressives Lymphom heraus. Nur wenige Wochen nach Abschluss seiner zunächst erfolgreichen Chemotherapie kehrte der Krebs zurück – diesmal im Bauchraum. Seine behandelnde Onkologin in Kronach überwies ihn deshalb umgehend an die Klinik für Innere Medizin II am Universitätsklinikum Jena (UKJ) als einziges qualifiziertes Zentrum für CAR-T-Zell-Therapie in Thüringen. Hier erhielt Wilhelm Schülein die Behandlung, die für Patientinnen und Patienten wie ihn eine wichtige Therapie ist, wenn vorangegangene Therapien nicht ausreichend wirken – und zwar als 100. Patient seit Einführung dieser Therapie am Jenaer Uniklinikum im Jahr 2019.
Steigende Einsatzmöglichkeiten der Therapie
Bei der CAR-T-Zell-Therapie werden körpereigene T-Zellen gentechnisch so verändert, dass sie Krebszellen gezielt erkennen und bekämpfen. Anschließend werden sie den Patienten als Infusion zurückgegeben, damit die neuen T-Zellen dort ihre Arbeit aufnehmen. Während zu Beginn der neuartigen Krebstherapie im Jahr 2019 etwa zehn bis 15 Personen pro Jahr am UKJ behandelt wurden, ist die Zahl mittlerweile auf etwa 50 Menschen jährlich gestiegen. „Der Schwerpunkt lag zu Beginn auf den aggressiven Lymphomen, inzwischen können wir damit auch Patientinnen und Patienten mit multiplem Myelom, weniger aggressiven B-Zell-Neoplasien oder einer bestimmten Form der akuten B-Zell-Leukämie behandeln – und das bereits häufig ab der zweiten Therapielinie, also in einer viel früheren Behandlungsphase als bisher“, sagt apl. Prof. Dr. Ulf Schnetzke, Leitender Oberarzt an der Klinik für Innere Medizin II.
Damit künftig noch mehr Erkrankte von der CAR-T-Zell-Therapie profitieren können, möchte das interdisziplinäre Team aus Hämatologie, Transfusionsmedizin und Klinikapotheke das Einsatzspektrum noch weiter ausbauen. „In verschiedenen klinischen Studien untersuchen wir, ob die Therapie unter anderem auch bei soliden Tumoren und Autoimmunerkrankungen wirksam eingesetzt werden kann“, blickt Prof. Dr. Andreas Hochhaus, Direktor der Klinik für Innere Medizin II, positiv in die Zukunft.
Erfahrung erhöht Chance auf Heilung
„Etwa ein Drittel bis die Hälfte der Betroffenen mit aggressivem B-Zell-Lymphom spricht langfristig auf die Therapie an. Dieser Anteil ist deutlich höher als bei der bisherigen konventionellen Chemotherapie. Es ist für die Patientinnen und Patienten eine echte Chance auf Heilung“, weiß Ulf Schnetzke. Besonders wichtig für den Behandlungserfolg ist die individuell auf den Betroffenen abgestimmte sogenannte Bridging-Therapie. Sie dient dazu, die Erkrankung vor der eigentlichen Therapie unter Kontrolle zu bringen und den Patienten oder die Patientin optimal auf die Infusion vorzubereiten. Heutzutage besteht sie ebenfalls aus moderner Immuntherapie, beispielsweise bispezifischen Antikörpern. „Diese Phase ist entscheidend. Denn je besser die Erkrankung vor der CAR-T-Zell-Therapie beherrscht ist, desto größer sind die Erfolgsaussichten. Hier profitieren wir von unseren bisherigen Erfahrungen“, erklärt der Hämatologe.
Schwere Nebenwirkungen treten bei der Therapie selten auf und können gut behandelt werden. Auch hier spielen die Erfahrungen der vergangenen Jahre eine wichtige Rolle. Wilhelm Schüleins Körper hat rasch auf die Infusion reagiert – mit Fieber, Schüttelfrost und einem intensiven knoblauchartigen Geschmack. „Dieses Zytokin-Freisetzungssyndrom gehört neben der Neurotoxizität mit Symptomen wie Verwirrtheit, Sprachproblemen und Kopfschmerzen zu den typischen Nebenwirkungen der Therapie. Darauf sind wir jedoch gut vorbereitet und diese Symptome verschwinden meist vollständig wieder“, versichert Ulf Schnetzke.
