Leipzig. Unlängst fand am Universitätsklinikum Leipzig (UKL) das 800. Sarkomboard statt. Einmal pro Woche besprechen hier Experten verschiedener Fachrichtungen grundsätzliche Diagnostik- und Behandlungsschritte bei Tumoren des Bindegewebes und der Knochen sowie von Metastasen an Extremitäten und dem Stammskelett. Seit mehr als drei Jahrzehnten steht das im Jahr 1995 als „Tumororthopädische Konferenz“ ins Leben gerufene Gremium für die Tradition der muskoloskelettalen Tumorchirurgie in Leipzig, vor allem aber auch für gelebte interdisziplinäre und interprofessionelle Zusammenarbeit innerhalb des Sarkomzentrums, für wissenschaftliche Exzellenz und eine kontinuierlich verbesserte Versorgung von Patient:innen mit Knochen- und Weichteiltumoren.
„Sarkome gehören zu den seltensten Tumorarten“, sagt Prof. Christian Kleber. Der Leiter der Tumororthopädie und der Unfallchirurgie am UKL sowie des Überregionalen Traumazentrums leitet seit Mai vergangenen Jahres auch das Sarkomzentrum.
Als bösartige Wucherungen betreffen Sarkome das so genannte mesenchymale Gewebe, also beispielsweise Knochen, Muskeln, Fett- und Bindegewebe, aber auch Blut- und Lymphgefäße beziehungsweise Nerven- und Sehnenscheiden. Kennzeichnend ist ihre große Vielfalt. Man unterscheidet rund 70 Sarkom-Subtypen, von denen jeder einzelne sehr selten vorkommt. Bei Erwachsenen machen sie weniger als ein Prozent aller Krebserkrankungen aus.
Umso wichtiger ist der interdisziplinäre und interprofessionelle Ansatz bei der Diskussion jedes einzelnen Falls. In der täglichen Praxis bedeutet das, dass sich die unterschiedlichen Fachrichtungen gegenseitig mit ihrer Expertise unterstützen und ergänzen.
Funktionalität von Gliedmaßen und damit Lebensqualität erhalten
Im Mittelpunkt steht dabei immer, die bestmögliche Lösung für die Patient:innen zu finden. Blieb früher oft nur die Amputation als einzige Lösung, lässt sich heutzutage das entfernte krankhafte Gewebe dank besserer Bildgebung, präziserer OP-Techniken und Rekonstruktionen mit Endoprothesen oder Knochentransplantaten immer häufiger ersetzen. Der Erhalt funktionierender Gliedmaßen bedeutet ein klares Plus an Lebensqualität für die Patient:innen. Und die Entwicklung geht weiter. So wurde bespielsweise in jüngster Vergangenheit das psychoonkologische Screening ausgeweitet und die Integration in das Mitteldeutsche Krebszentrum (CCCG) vorangetrieben, wobei insbesondere die Zusammenarbeit mit dem Universitätsklinikum Jena ausgeweitet wurde.
In Zukunft wird es zunehmend möglich sein, Tumoroperationen per Datenbrille, die den Operateur:innen alle notwendigen Informationen live einblenden, noch präziser und schneller durchzuführen. Am UKL wurde dazu im vergangenen November gemeinsam mit der Klinik für Neurochirurgie das Forschungsprojekt „Spatial Computing – Datenbrillen in der Chirurgie“ gestartet. Angestrebt wird darüber hinaus die Zertifizierung des Sarkomzentrums durch die Deutsche Krebsgesellschaft (DKG).
Über Jahre hinweg gewachsene Interdisziplinarität
Auch die Arbeit im Sarkomboard hat sich gewandelt: Ins Leben gerufen wurde es vor über 30 Jahren von Prof. Georg Freiherr von Salis-Soglio als „Tumororthopädische Konferenz“. Ziel war es bereits damals, die am UKL auf diesem Gebiet vorhandene umfangreiche Expertise in Diagnostik und Therapie zu bündeln. Ein wesentlicher Meilenstein beim Übergang vom Tumor- zum Sarkomzentrum war die in den Jahren 2016/17 erfolgte Einbeziehung viszeraler Sarkome sowie sogenannter gastrointestinaler Stromatumoren (GIST), bei denen es sich um seltene, meist bösartige Bindegewebstumoren (Sarkome) des Magen-Darm-Trakts handelt. Wesentlich befördert wurde dies durch Prof. Ines Gockel, seinerzeit Leiterin der Klinik und Poliklinik für Viszeral-, Transplantations-, Thorax- und Gefäßchirurgie (VTTG) am UKL und Prof. Christoph Josten. Der heutige Medizinische Vorstand des UKL hatte die Leitung des Sarkomboards im Jahr 2016 von Prof. Torsten Prietzel, dem Nachfolger von Prof. von Salis-Soglio, übernommen.
Prof. Daniel Seehofer, heutiger Geschäftsführender Direktor der Klinik und Poliklinik für VTTG, sieht darin die eigentliche Geburtsstunde des Sarkomboards in seiner heutigen Form: „Unsere Klinik deckt das gesamte Spektrum der Chirurgie der inneren Organe, insbesondere des Bauch- und Brustraumes, sowie der Gefäße ab. Die Einbeziehung dieser unterschiedlichen Fachbereiche hat wesentlich zu einer weiteren Vertiefung der Interdisziplinarität und in der Fokussierung auf individuelle Versorgungskonzepte im Sarkomboard geführt.“ Seit dieser Zeit bildet die Klinik für Viszeral-, Transplantations-, Thorax- und Gefäßchirurgie (VTTG) neben der Orthopädie, Unfallchirurgie und Plastische Chirurgie (OUP) und dem Universitären Krebszentrum (UCCL) die dritte wesentliche Säule im Spektrum des Sarkomboard.
„Das Sarkomboard steht exemplarisch für den Mehrwert echter Interdiszipilinarität in der modernen Onkologie“, betont Prof. Florian Lordick, Direktor des Universitären Krebszentrums Leipzig (UCCL). „Durch die enge, strukturierte Zusammenarbeit aller beteiligter Fachdisziplinen wird jeder Patient individuell und umfassend diskutiert, so dass therapeutische Chancen bestmöglich genutzt werden können.“ Heute arbeiten im Sarkomboard Expert:innen vieler Fachrichtungen eng zusammen – der Hals- Nasen- Ohrenkunde ebenso wie der Kinderchirurgie, Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie, Viszeral- und Thoraxchirurgie, Radiologie, Nuklearmedizin, Dermatologie, Pathologie, Strahlentherapie, Onkologie und Hämatologie. Hinzu kommen Kooperationspartner wie beispielsweise Psychoonkologie, Onkologische Pflege, Physiotherapie und Ernährungsberatung.


