In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte sich die biologische Anthropologie zu einer eigenständigen Disziplin herausgebildet. Ihre führenden Vertreter entwickelten normierte Messverfahren für den menschlichen Körper.
Als besonders schwierig erwies sich die zuverlässige Bestimmung des Schädelvolumens. Für die Volumenmessung mit Wasser oder Quecksilber ließen sich die Schädel nicht ausreichend abdichten. Versuche mit Erbsen, Hirse, Schrot oder Glaskugeln hingegen lieferten auch bei gleichem Vorgehen nur sehr ungenaue Ergebnisse.
Einen Lösungsvorschlag für dieses Problem machte 1883 der Münchner Anthropologe Johannes Ranke. Er präsentierte den hohlen Bronzeabguss eines menschlichen Schädels, dessen Volumen mit Wasser exakt feststellbar war. Mithilfe eines solchen "Eichschädels" konnten also die verwendeten Messverfahren immer wieder überprüft und korrigiert werden.
Der bronzene Hirnschädel aus unserer Sammlung ist höchstwahrscheinlich so ein "Eichschädel" nach Ranke. Sein Volumen von "1290 ccm" ist am Hinterkopf eingraviert. Über seine Herkunft und Geschichte wissen wir kaum etwas, da er in den Unterlagen der Anatomischen Sammlung nirgends erwähnt wird.
Es befindet sich allerdings eine ebenfalls eingravierte Inventarnummer am Schädel, die auf die Jenaer Anstalt für experimentelle Biologie verweist. Diese wurde nach der Emigration ihres Leiters Julius Schaxel 1933 aufgelöst und ihr Inventar zum Teil an das Anatomische Institut abgegeben. Möglicherweise kam der Bronzeschädel zunächst auch am damals neu gegründeten Institut für Menschliche Züchtungslehre und Vererbungsforschung bzw. Menschliche Erbforschung und Rassenpolitik, als Messwerkzeug in der "Rassenforschung" zum Einsatz.
Der bronzene Hirnschädel steht im höchst problematischen Kontext anthropologischer Vermessung. Er symbolisiert die irrige Vorstellung, dass sich Herkunft, Charakter, Fähigkeiten und Neigungen eines Menschen unmittelbar und eindeutig an den Maßen seines Körpers ablesen ließen. Die diskriminierenden und rassistischen Folgen dieser Idee wirken bis heute nach.