Mehr als 400 Leichname möglicher NS-Opfer
Die Anlieferung von Leichnamen an das Jenaer Institut für Anatomie wurde in der Vergangenheit in einem Leichenjournal dokumentiert. Diesem zufolge wurden zwischen 1933 und 1945 die Körper von insgesamt 2224 Menschen entgegengenommen.
Dazu gehörten die Leichname von 203 Hingerichteten, die insbesondere ab 1942 ans Institut überführt wurden. Vollstreckungsort der Todesurteile war Weimar, zwischen April und September 1943 außerdem Halle. Viele dieser Menschen waren aus politischen Gründen oder wegen geringfügiger Vergehen verurteilt worden, auch zwei flüchtige Männer aus dem Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar waren darunter.
Mehr als 200 weitere Menschen wurden nach ihrem Tod aus den staatlichen Heilanstalten in Stadtroda und Blankenhain und aus dem Anna-Luisen-Stift Bad Blankenburg überwiesen. Für diese Anstalten ist bekannt, dass im Rahmen der von den Nazis sogenannten "Euthanasie" ab 1940 systematisch Krankenmorde begangen wurden. Ein solcher Hintergrund konnte in keinem Fall eindeutig belegt werden, ist jedoch schon aufgrund der hohen Zahl der Leichname mindestens für einen Teil der Toten wahrscheinlich.
Relativ häufig wurden in diesem Zeitraum auch Leichname von früh- oder totgeborenen Kindern sowie Säuglingen an das Institut gegeben. In den meisten Fällen stammten sie aus geburtshilflichen Privatkliniken in Jena und Umgebung. In Einzelfällen waren die Mütter allerdings Zwangsarbeiterinnen, bei denen von einer Einwilligung nicht ausgegangen werden kann und überdies Zwangsabtreibungen in Betracht gezogen werden müssen. Auch die Leichname mehrerer Zwangsarbeiter wurden, teils über das Institut für Pathologie, an das Jenaer Institut für Anatomie überstellt.
Damit stammte fast ein Fünftel der zwischen 1933 und 1945 an das Institut abgegebenen Körper von Menschen, die möglicherweise Opfer des NS-Regimes geworden waren. Fast alle diese Leichname wurden damals in Präparierkursen zur Ausbildung der Studierenden eingesetzt und anschließend eingeäschert. Allerdings konnten keine Hinweise auf einen Bestattungsort gefunden werden.
Der Aussage eines Zeitzeugen zufolge soll es nach 1945 eine Art "Säuberungsaktion" am Institut gegeben haben, bei der Leichname und Körperteile Hingerichteter sowie zugehörige Unterlagen "verschwanden". Der Befund, dass sämtliche Leichenakten aus der Zeit zwischen 1941 und 1945 vermisst sind, scheint dies zu bestätigen.

