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Anatomische Sammlung / Provenienzforschung / Nationalsozialismus

Die Zeit des Nationalsozialismus am Institut für Anatomie

Im Frühjahr 2004 wurde am Institut für Anatomie I eine Arbeitsgruppe zur Aufarbeitung der NS-Zeit gebildet. Die Mitglieder stammten aus den Instituten für Anatomie, Geschichte der Medizin und Geschichte an der Universität Jena sowie von der Gedenkstätte Roter Ochse in Halle.

Als primäre Informationsquellen standen das sogenannte Leichenjournal des Instituts für die Jahre 1914 bis 1949, die Leichenakten, die Jahresberichte des Instituts und die historischen Sammlungsverzeichnisse zur Verfügung. Außerdem wurden ehemalige Institutsangehörige befragt. Auf diesen Grundlagen wurde insbesondere für alle am Institut für Anatomie vorhandenen menschlichen Präparate überprüft, ob ihre Entstehungszeit zwischen 1933 und 1945 lag.

Nach einem Jahr wurde ein externer Gutachter um die kritische Prüfung der Ergebnisse und um Empfehlungen zum weiteren Vorgehen gebeten.

Die im Jahr 2005 gestiftete Gedenktafel im Foyer des Instituts. (Foto: Ulrike Lötzsch)

Mehr als 400 Leichname möglicher NS-Opfer

Die Anlieferung von Leichnamen an das Jenaer Institut für Anatomie wurde in der Vergangenheit in einem Leichenjournal dokumentiert. Diesem zufolge wurden zwischen 1933 und 1945 die Körper von insgesamt 2224 Menschen entgegengenommen.

Dazu gehörten die Leichname von 203 Hingerichteten, die insbesondere ab 1942 ans Institut überführt wurden. Vollstreckungsort der Todesurteile war Weimar, zwischen April und September 1943 außerdem Halle. Viele dieser Menschen waren aus politischen Gründen oder wegen geringfügiger Vergehen verurteilt worden, auch zwei flüchtige Männer aus dem Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar waren darunter.

Mehr als 200 weitere Menschen wurden nach ihrem Tod aus den staatlichen Heilanstalten in Stadtroda und Blankenhain und aus dem Anna-Luisen-Stift Bad Blankenburg überwiesen. Für diese Anstalten ist bekannt, dass im Rahmen der von den Nazis sogenannten "Euthanasie" ab 1940 systematisch Krankenmorde begangen wurden. Ein solcher Hintergrund konnte in keinem Fall eindeutig belegt werden, ist jedoch schon aufgrund der hohen Zahl der Leichname mindestens für einen Teil der Toten wahrscheinlich.

Relativ häufig wurden in diesem Zeitraum auch Leichname von früh- oder totgeborenen Kindern sowie Säuglingen an das Institut gegeben. In den meisten Fällen stammten sie aus geburtshilflichen Privatkliniken in Jena und Umgebung. In Einzelfällen waren die Mütter allerdings Zwangsarbeiterinnen, bei denen von einer Einwilligung nicht ausgegangen werden kann und überdies Zwangsabtreibungen in Betracht gezogen werden müssen. Auch die Leichname mehrerer Zwangsarbeiter wurden, teils über das Institut für Pathologie, an das Jenaer Institut für Anatomie überstellt.

Damit stammte fast ein Fünftel der zwischen 1933 und 1945 an das Institut abgegebenen Körper von Menschen, die möglicherweise Opfer des NS-Regimes geworden waren. Fast alle diese Leichname wurden damals in Präparierkursen zur Ausbildung der Studierenden eingesetzt und anschließend eingeäschert. Allerdings konnten keine Hinweise auf einen Bestattungsort gefunden werden.

Der Aussage eines Zeitzeugen zufolge soll es nach 1945 eine Art "Säuberungsaktion" am Institut gegeben haben, bei der Leichname und Körperteile Hingerichteter sowie zugehörige Unterlagen "verschwanden". Der Befund, dass sämtliche Leichenakten aus der Zeit zwischen 1941 und 1945 vermisst sind, scheint dies zu bestätigen.

Humanpräparate aus der NS-Zeit

Für die Leichname von zwölf hingerichteten Menschen ließ sich nachweisen, dass aus ihnen Lehr- und Sammlungspräparate zur dauerhaften Aufbewahrung angefertigt wurden. Die Recherchen ergaben, dass hier die Todesstrafen wegen (versuchten) Mordes, bewaffneter Einbruchs- und Diebstahlserien, Niederschlagen eines Beamten in Untersuchungshaft und in drei Fällen wegen (bandenmäßigen) Feldpostdiebstählen verhängt worden waren. Damit handelte es sich meistenteils um Schwerverbrechen, für die die Rechtsprechung auch vor der NS-Zeit eine Hinrichtung und Ablieferung an die Anatomische Anstalt vorsah.

In der sogenannten anonymisierten Knochensammlung ließen sich keine Rückschlüsse mehr auf human remains möglicher NS-Opfer ziehen.

Im Jahr 1943 wurden für das Institut für Anatomie in Jena Nasspräparate aus den Körpern von 14 ungeborenen Kindern gekauft. Hersteller und Verkäufer war Karl Eduard Lange, bis 1912 Präparator am Pathologischen Institut der Universität Leipzig, danach privat tätig. Wann genau er diese Präparate herstellte und woher er die Embryonen und Föten erhielt, ließ sich bis heute nicht klären. Eine Zustimmung der Eltern für die Anfertigung von Präparaten aus den Körpern ihrer ungeborenen Kinder lag in diesem Zeitraum üblicherweise nicht vor. Besonders gewaltsame und unethische Zusammenhänge, wie Zwangsabtreibungen, sind nicht ausgeschlossen.

Die Präparate aus den Körpern Hingerichteter, ebenso wie alle Präparate unklarer Herkunft, wurden auf ihren Erhaltungszustand, ihre Wiederbeschaffbarkeit sowie ihre Bedeutung für Forschung und Lehre überprüft. 39 Nasspräparate und 225 Knochenpräparate wurden daraufhin aus der Sammlung genommen und im Juli bzw. Oktober 2005 bestattet. Einzelne besonders wertvolle und gut erhaltene Präparate verblieben am Institut. Der Umgang mit der anonymisierten Knochensammlung wurde kritisch überprüft, um einen würdigen Umgang sicherzustellen. Insbesondere wurde die Ausleihe menschlicher Schädel und Knochen außer Haus vollständig abgeschafft.

Heutiger Stand: Zu den Embryo-Präparaten von Karl Eduard Lange wurde punktuell weiter geforscht. Dort gibt es keinen wesentlichen Erkenntniszuwachs. Inzwischen haben wir allerdings Belege dafür, dass Lange mindestens bis zum Juli 1944 tätig war. Somit ist es wahrscheinlich, dass die am Jenaer Institut vorhandenen Präparate tatsächlich in die NS-Zeit zu datieren sind.

Gedenktafel u.a. für die Opfer nationalsozialistischer Gewalt in der öffentlichen Ausstellung.

Aufklärung und Gedenken

Das Forschungsprojekt der Jahre 2004/05 war Anlass für einige Maßnahmen und Veränderungen am Institut. Über die Ergebnisse wurde auf verschiedenen Wegen informiert.

Das Institutsfoyer wurde zum zentralen Ort der Information über die Zeit des Nationalsozialismus und des symbolischen Gedenkens bestimmt. Der Förderverein der Universität stiftete eine Messingtafel mit folgender Aufschrift: "Zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus, deren Körper 1933 - 1945 an das Anatomische Institut der Universität Jena gelangten. Institut für Anatomie im Mai 2005". Sie wurde im Eingangsbereich unter den Marmorplatten mit den Namen aller Jenaer Anatomie-Dozenten angebracht. Außerdem erhielten die Marmortafeln, die der frühere Anatomiedirektor Hermann Voss dem Institut geschenkt hatte, eine schriftliche Erklärung zu ihrer Einordnung. Wie im externen Gutachten angeregt, fand im Schaukasten im Foyer ein großformatiges Poster mit den Forschungsergebnissen und der Information über Voss‘ nationalsozialistische Vergangenheit seinen Platz.

Nach der Bestattung der human remains aus der NS-Zeit wurde in den jeweils folgenden Gedenkfeiern für die modernen Körperspenderinnen und Körperspender auch dieser Hingerichteten und Ermordeten gedacht.

In der Lehre wurde ein neuer Themenblock über die Herkunft von historischen Präparaten in die Einführungsvorlesung für Studierende aufgenommen. Im Jahr 2006 gab es außerdem im Wahlfach-Bereich ein Seminar über Anatomie und Nationalsozialismus. Mittels verschiedener Vorträge, Zeitungsberichte und Publikationen wurden die Forschungsergebnisse den Universitätsangehörigen, der Öffentlichkeit, Ärztinnen und Ärzten sowie dem anatomischen Fachkollegium vorgestellt (siehe Literaturhinweise ganz unten).

Die noch vorhandenen historischen Sammlungsverzeichnisse der Anatomischen Sammlung wurden in Zusammenarbeit mit der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek digitalisiert und online gestellt. Historische Aktenbestände und Dokumente des Instituts gingen zugunsten einer verbesserten Aufbewahrung und Zugänglichkeit ans Universitätsarchiv.

Heutiger Stand: Die aktive Information von Studierenden und der Öffentlichkeit über die NS-Zeit am Institut hatte bald nach Projektende deutlich nachgelassen. In den letzten Jahren wurde daher versucht, sie wieder mehr ins Bewusstsein zu rücken. Dies geschieht einerseits über die neueingerichtete öffentliche Dauerausstellung: Aufklärung und Gedenken haben seit Mitte 2022 ihren Platz direkt in der Ausstellung auf einer Informationstafel und in einer Gedenknische gefunden. Anfang 2025 gab es einen Austausch mit dem Jenaer Arbeitskreis "Sprechende Vergangenheit". Im November desselben Jahres war das Institut für Anatomie erstmals Station der öffentlichen Gedenkveranstaltung "Klang der Stolpersteine". 

Literatur über das Institut für Anatomie Jena während der NS-Zeit

Redies, C., Viebig, M., Zimmermann, S., Fröber, R. (2005) Origin of corpses received by the anatomical institute at the University of Jena during the Nazi period. New Anatomist 285:6-10 (PubMed) (Link zur Verlagsseite)

Redies, C., Viebig, M., Fröber, R., Zimmermann, S. (2005) NS-Opfer für die Anatomie. Deutsches Ärzteblatt 102(48):A3322-A3325 (Link zur Verlagsseite)

Redies, C., Viebig, M., Zimmermann, S., Fröber, R. (2007) Über die Herkunft der Leichname für das Anatomische Institut der Universität Jena in der NS-Zeit. In: Anatomie und Anatomische Sammlungen im 18. Jahrhundert (Schultka, R., und Neumann, J.N., Ed.), Seite 495-507. LIT-Verlag, Berlin. (Link zur Verlagsseite)

Redies, C., Hildebrandt, S. (2012) Anatomie im Nationalsozialismus: Ohne jeglichen Skrupel. Deutsches Ärzteblatt 109(48):A2413-2415 (Link zur Verlagsseite)

Redies, C., Fröber, R., Viebig, M., Zimmermann, S. (2012) Dead bodies for the anatomical institute in the Third Reich: An investigation at the University of Jena. Annals of Anatomy 194:298-303 (PubMed) (Link zur Verlagsseite)

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