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Anatomische Sammlung / Highlights / Gallscher Schädel

Gipsschädel nach der Lokalisationslehre von Gall

Der Kopf von Franz Joseph Gall wurde für Forschungszwecke in Gips abgegossen. Anatomische Sammlung Jena, Inv.Nr. P 022.

Franz Joseph Gall war Anfang des 19. Jahrhunderts Arzt und Hirnanatom in Wien. Er vermutete, dass das Gehirn wie der Körper selbst aus vielen spezialisierten „Organen“ bestehe. In diesen sollten Neigungen, Geistesgaben und Moral ihren Sitz haben. Ihre jeweilige Größe bestimmte demnach die Form des Gehirns.

Gall untersuchte zahlreiche Gehirne von Menschen und Tieren, um diese Organe zu „lokalisieren“. Weil er glaubte, dass sich der Schädel in seinem Wachstum an die Form des Gehirns anpasse, zeichnete er die Organe auf Schädeln ein.

Unter Gelehrten war Galls „Lokalisationslehre“ oder „Organologie“ stark umstritten. Sie legte nahe, dass Seele und Geist auf körperliche Vorgänge zurückgeführt werden könnten, was auf große Ablehung stieß. Seine privaten Vorträge brachten außerdem das Abtasten von Köpfen und Schädeln in Mode. In der Folge wurden die Gräber berühmter Personen geplündert und zahlreiche Schädel gestohlen. Gall wurde schließlich aus Wien ausgewiesen.

Gall hatte seine Lehre zunächst nicht selbst veröffenticht. Er erläuterte sie in Vorträgen anhand von beschrifteten Schädeln, die sich interessierte Zuhörer für ihre weiteren Studien üblicherweise kopierten. In der Anatomischen Sammlung zeugen drei solcher "Gallschen Schädel" von dem Interesse Jenaer Mediziner.

Der aus Gips modellierte Schädel aus dem Nachlass von Franz Heinrich Martens veranschaulicht die Lage der "Gallschen Organe". Anatomische Sammlung Jena, Inv.Nr. OCM 001. (Foto: Marcus Rebhan)

Einer von diesen beschrifteten menschlichen Schädeln war 1820 mit dem Nachlass des Herzoglichen Leibarztes und Medizinprofessors Johann Christian Stark d. Ä. angekauft worden. Die beiden anderen Schädel sowie der hier vorgestellte Schädel aus Gips stammen aus dem Nachlass des 1805 jung verstorbenen Jenaer Mediziners Franz Heinrich Martens. 

Martens hatte 1803 sogleich eine „Leichtfassliche Darstellung der Theorie des Gehirn- und Schädelbaues ... des Herrn Dr. Gall in Wien“ mit instruktiven Abbildungen veröffentlicht. Darin erwähnte er einen Gipsschädel nach Gall, welchen sein Dessauer Kollege Marius Hagedorn zusammen mit einer Beschreibung kurz zuvor in den Verkauf gebracht hatte.

Es handelt sich dabei um das früheste bekannte Modell zur Veranschaulichung der Gallschen Lehre. Hagedorn hatte einen von ihm selbst kopierten "Gallschen Schädel" als Vorlage ausgewählt und den Bildhauer Friedemann Hunold mit der Modellierung beauftragt.

Phrenologische Büste aus Edinburgh. Anthony O'Neil, 1828. Anatomische Sammlung Jena, Inv.Nr. P 028. (Foto: Marcus Rebhan)

Martens erwarb sein Exemplar offenbar umgehend. Obwohl es heute stark abgerieben und leicht beschädigt ist, sind die eingravierten Linien der "Organe" und die aufgeschriebenen Nummern noch gut zu erkennen. 

Der Jenaer Mediziner lobte die Idee zu einem solchen Modell, jedoch schien ihm der Gipsschädel die anatomischen Tatsachen nur sehr mangelhaft wiederzugeben: Die Augenhöhlen seien zu groß, die fliehende Stirn ungünstig und insbesondere die unteren Partien, wie der Gaumen, nicht sorgfältig ausgearbeitet.

Trotz dieser Kritikpunkte, die auch andere Gelehrte anmerkten, fand der Hagedornsche Gipsschädel durchaus eine Zeitlang Verwendung. Er kann als Vorläufer der in den 1820er Jahren aufkommenden "Phrenologischen Büsten" gelten.

Galls Assistent Johann Gaspar Spurzheim ging 1814 nach England und verbreitete dort eine populärwissenschaftliche Erweiterung der "Organologie", die als "Phrenologie" weltweit bekannt ist. Sie wurde nicht mehr nur auf Individuen, sondern auch auf ganze Menschengruppen bezogen, und fand damit Anschluss an die frühe Anthropologie und sogenannte "Rassenforschung". 1820 gründete sich die erste Phrenologische Gesellschaft in Edinburgh.

Diese Entwicklung spiegelt sich auch im Bestand der Anatomischen Sammlung wider: Erhalten sind fast 30 Gipsschädel von Menschen aus der ganzen Welt, eine phrenologische Büste sowie einige Kopfabgüsse talentierter Europäer - darunter auch Franz Joseph Gall. Diese Gipskopien wurden in den 1830er bis 1850er Jahren von der Phrenologischen Gesellschaft in Edinburgh gehandelt.

(Text: U. Lötzsch, Anatomische Sammlung Jena; Stand Januar 2026)

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